Mentale Stärke im Schiedsrichterwesen: Vortrag von Psychologin Denise Schiller im NFV-Kreis Harburg

Im Rahmen des Projekts „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel – Psychologische Betreuung SR“ referierte Psychologin Denise Schiller vor den Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern des NFV-Kreis Harburg zum wichtigen Thema der mentalen Gesundheit im Fußball. Der Vortrag bot nicht nur fundierte Einblicke in psychologische Zusammenhänge, sondern auch praxisnahe Strategien für den Umgang mit Belastungen im Spielbetrieb.

Was ist Stress – und wie wirkt er sich aus?

Zu Beginn beleuchtete Denise Schiller den Begriff „Stress“ genauer. Stress entsteht, wenn äußere Anforderungen als schwer bewältigbar wahrgenommen werden. Typische stressauslösende Faktoren im Schiedsrichterwesen sind Zeitdruck, hohe Erwartungshaltungen, kritische Spielsituationen sowie verbale oder physische Übergriffe.

Stress kann sich auf vielfältige Weise bemerkbar machen – sowohl körperlich (z. B. erhöhte Herzfrequenz, Anspannung) als auch mental (z. B. Konzentrationsprobleme, Unsicherheit). Die Folge: Herausforderungen werden schwerer zu bewältigen, und die eigene Leistungsfähigkeit kann darunter leiden.

Leistung unter Druck: Strategien für den Spielalltag

Ein zentraler Bestandteil des Vortrags war die Frage, wie auch in Drucksituationen konstante Leistungen möglich sind. Dabei wurde das Plenum aktiv eingebunden, um Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam Lösungsansätze zu entwickeln.

Vorgestellt wurden unter anderem instrumentale Strategien, die direkt im Spiel angewendet werden können. Ein Beispiel: das bewusste Setzen von Zielen vor dem Spiel – etwa notiert auf dem Handgelenk. Fragen wie „Was ist mir heute wichtig?“ oder „Wofür möchte ich auf dem Platz stehen?“ helfen, den eigenen Fokus zu schärfen.

Mentale Techniken für mehr Fokus

Auch mentale Ansätze wurden thematisiert. So kann beispielsweise das Riechen an bestimmten Duftölen, die auf das Trikot aufgetragen werden, helfen, sich nach Fehlern schnell wieder zu sammeln und die Konzentration zurückzugewinnen. Ebenso wichtig ist der innere Dialog: Sich selbst konstruktiv gut zuzureden, unterstützt dabei, mental stabil zu bleiben.

Reflexion und Erholung als Schlüssel

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel – doch dazwischen sollte bewusst Raum für Reflexion und Erholung geschaffen werden. Denise Schiller betonte, dass mentale Erholung ebenso wichtig ist wie körperliche Regeneration.

Empfohlen wurden einfache Maßnahmen wie ein Spaziergang, Gespräche über andere Themen oder das Festhalten eigener Gedanken: Was lief gut? Wo gibt es Verbesserungspotenzial? Diese Form der Selbstreflexion hilft, Erlebnisse zu verarbeiten und sich gezielt weiterzuentwickeln.

Darüber hinaus wurde die Bedeutung von Ritualen vor und nach dem Spiel hervorgehoben. Individuell entwickelte Routinen geben Sicherheit und Struktur.

Umgang mit Übergriffen

Ein besonders sensibler Themenbereich waren Übergriffe auf und neben dem Fußballplatz – sowohl verbaler als auch physischer Natur. Denise Schiller machte deutlich, wie wichtig es ist, solche Erfahrungen nicht zu verdrängen.

Ihr klarer Rat:

  • Das Gespräch suchen – mit vertrauten Personen, im persönlichen Umfeld oder im Fußballkreis
  • Frühzeitig Unterstützung in Anspruch nehmen, z. B. durch psychologische Beratung oder den Hausarzt
  • Kostenfreie Beratungsangebote nutzen
  • „Wenn ihr merkt, dass euch ein Thema belastet: Geht ins Gespräch. Je eher man Hilfe in Anspruch nimmt, desto geringer sind die langfristigen Folgen“, so Schiller.
  • Verarbeitung und Prävention
  • Nach belastenden Erlebnissen ist es entscheidend, den Verarbeitungsprozess aktiv zu unterstützen. Dazu zählen:
  • Offene Gespräche über das Erlebte
  • Professionelle Hilfe bei Bedarf
  • Wahrnehmung eigener Bedürfnisse
  • Pflege sozialer Kontakte
  • Positive Aktivitäten im Alltag
  • Achtsamkeits- und Entspannungsübungen
  • Verzicht auf problematischen Substanzkonsum

Diese Maßnahmen tragen dazu bei, die psychische Stabilität langfristig zu sichern.

Unterstützung im Kreis

Abschließend betonte Schiedsrichterobmann Marvin Schories, dass der Kreisschiedsrichterausschuss (KSA) jederzeit als Ansprechpartner zur Verfügung steht, um in schwierigen Situationen zu unterstützen und Lösungen zu finden.

Ein besonderer Dank gilt Denise Schiller für ihren wertvollen Beitrag und die praxisnahen Impulse, die den Teilnehmenden wichtige Werkzeuge für ihren anspruchsvollen Einsatz auf und neben dem Platz an die Hand gegeben haben.

Psychologin Denise Schiller

Autor: Yannik Brunke | Fotos: Olaf Lahse